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Der Erbdrostenhof in Münster

Münster - Der Erbdrostenhof in Münster ist eines der Meisterwerke des Barockarchitekten Johann Conrad Schlaun. Nach Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude in den Jahren von 1953 bis 1970 nach alten Plänen durch den Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) wiederhergestellt. Insbesondere der rekonstruierte barocke Festsaal ist als herausragendes Kleinod zu nennen.

Der Erbdrostenhof an der Salzstraße in Münster: Meisterwerk des Barockarchitekten Johann Conrad Schlaun, erbaut 1753-1757. Der Erbdrostenhof an der Salzstraße in Münster: Meisterwerk des Barockarchitekten Johann Conrad Schlaun, erbaut 1753-1757.

Am 7. März 1749 berichtete der fürstbischöflich- münsterische General Friedrich von Wenge in einem Brief an den Obristhofmeister und kurkölnischen Konferenzminister Hermann Werner von der Asseburg nach Bonn unter anderem: „...Der jetziger Herr Erbdrost, vormahliger Herr von Vorhelm, hat so viel Häußer zusammen gekauft, das er ein superbes Gebäu ohnweit oder nechst bey denen Barmhertzigen Brüdern erbaue, mithin unserem gnädigsten Herrn gewis gefallen wirdt; wann alles zu Geldt geschlagen wirdt, muß es wenigstens ad 70 000 Rthl. kosten. Der General Schlaun macht den Riß, undt wirdt sich eine Reputation machen, indem er nichts erspahren, sondern moderne bauen soll. Wann Ew. Excellence nur ein Wort von Ihro Churfürstlichen Durchlaucht gnädigstem Gefallen in der Antwort mercken laßen, so ich dem Erbdrosten vorleßen könte, so wacht (= wagt) er noch Zehndausendt mehr, dann ihne selbsten erfreue, das sein Gebäu denen Barmhertzigen Brüdern ein Lustre mache...“

Dies ist die früheste Nachricht über den Erbdrostenhof und zugleich die wichtigste, nicht zuletzt, weil wir aus ihr etwas über die Einschätzung Schlauns als Architekten durch einen Zeitgenossen erfahren. Friedrich von Wenge war des Generalmajors Schlaun direkter militärischer Vorgesetzter; seine Zeilen verraten, daß er mit dessen Tätigkeit als Zivilarchitekt und mit dem Projekt für den neuen Adelshof vertraut war.

Schlauns Auftraggeber, der Erbdroste Heidenreich Freiherr von Droste zu Vischering, war mit Maria Antonette Freiin von Ascheberg verheiratet und hatte seinen Wohnsitz auf Haus Vorhelm bei Beckum. Seine Familie war durch Erbgang in den Besitz des alten Hofes der Erbmännerfamilie von Schenking an der Salzstraße gelangt, dazu hatte er von dem Freiherren von Kerckerinck zu Stapel den alten Buckschen Hof an der Ringoldsgasse und am Servatii- Schild (dem Platz vor der Clemenskirche) gekauft und schließlich durch Tausch das alte Pfarrhaus von St. Servatii am Servatiikirchhof erworben.

Der Erbdrostenhof in Münster bei Nacht.
Das so arrondierte Gelände reichte aus, um darauf ein repräsentatives Stadtpalais zu errichten. Bis dahin hatte man sich wohl im alten Schenkingschen Hof eingerichtet, der nach Everhard Alerdincks großem Vogelschauplan der Stadt Münster von 1636 ein schräggesetztes Hoftor an der Ecke von Salzstraße und Ringoldsgasse besaß, also genau an der Stelle des heutigen Prachttores zur Cour d’honneur, dem Vorhof des Erbdrostenhofes. 1751 wurden die alten Gebäude niedergelegt; zwei Jahre danach begannen die Arbeiten für den Neubau. 1754 war der Rohbau vollendet – diese Jahreszahl steht golden an den Balkongittern des zweiten Obergeschosses.

Der Außenbau
Kehren wir zurück zur Schauseite des Erbdrostenhofes: Durch den Verzicht auf das traditionelle Dreiflügelschema und die Verlegung der notwendigen Wirtschaftsbauten an die rückwärtige Basse-cour gewann Schlaun Platz für die großartige Präsentation des Wohngebäudes auf der langen Seite des fast rechtwinkligen Dreiecks, dessen kurze Schenkel die Salzstraße und die Ringoldsgasse bilden. Vor der Fassade liegt nun der dreieckige Ehrenhof, eingefaßt vom geschwungenen Lanzengitter, mit dem reich gestuften Einfahrtstor und seitlichen Fußgängerpforten, mit Sphingen, Blütenvasen und Putten auf den schlanken, gefelderten Pfeilern. Das Gitter markiert feilich nur den privateren Bereich der Cour d’honneur; tatsächlich gehört dank der Transparenz des Gitters auch der weitere Straßenraum zum Wirkungsbereich der mächtigen Schaufront. Es ist die neue Raumform des halboffenen Platzes, die Schlaun hier einführt und die der Gesamtanlage eine offenere Stimmung verleiht, als sie sonst bei barocken Stadtpalais üblich ist.

Haupt- und Glanzstück des Erbdrostenhofes ist der Festsaal. Haupt- und Glanzstück des Erbdrostenhofes ist der Festsaal.
Der Festsaal
Haupt- und Glanzstück des Erbdrostenhofes ist der durch den ganzen Mittelbau reichende Saal. An Größe, Lichtfülle und Pracht der Ausstattung übertraf er alles, was es bis dahin in den vielen Adelshöfen der Stadt zu sehen gab. Mit dem Anspruch eines fürstlichen Saales, wie etwa im Schloß Augustusburg in Brühl oder im Berleburger Schloß – vielleicht auch hier ein Hinweis auf das Konzept einer „Ersatz- Residenz“? –, reicht er durch die beiden Obergeschosse. Das machte zur Verbindung beider Haushälften die Anlage einer Galerie im Mezzaningeschoß notwendig, außerdem konnten hier bei Festlichkeiten die Musiker plaziert werden.

Die Zeitgenossen nannten einen solchen zweigeschossigen, auch oben belichteten Saal mit umlaufender Galerie eine Salle à l’Italienne – einen Saal nach italienischer Manier. Wie draußen am Mittelrisalit, so herrscht auch im Saal die große Architektur mit Pfeilern, Säulen und Gebälken, doch ist alles nur schöner Schein, denn wie im Treppenhaus hatte der Freskant Loder das lebhafte Wandrelief mit Vor- und Rücklagen, Felderungen und Gesimsleisten, Gebälkauskragungen, Gehängen, Statuen und Vasen mit den Mitteln der illusionistischen Malerei an die glatt geputzten Wände gezaubert. Paul Rekkendorfer aus Wien hat die zerstörte Pracht 1965/67 neu geschaffen.

Das untere Geschoß zeigt schwere, toskanische Pilaster; von ihnen kragen die schmalen vergoldeten Konsolen aus, auf denen die Galerie mit dem elegant und meisterhaft geschmiedeten Geländer ruht. Das Obergeschoß wirkt leichter, weil hier vor der kompositen Pilasterordnung Freisäulen zu stehen scheinen, an denen die Glanzlichter Rundung und Plastizität polierter Marmorschäfte vortäuschen. Das kräftig vorund zurückgekröpfte Gebälk reicht bis weit in die Deckenvoute und läßt so dieses Geschoß weit höher erscheinen, als es wirklich ist. Die Decke selbst aber ist nichts weiter als der blaue Himmel, zu dem sich dies steinerne Gehäuse öffnet.

Die Schmalseiten des Saales folgen der sanften Einbuchtung der Fassadenrisalite und öffnen sich in großen Fenstertüren. Die Wandpfeiler dazwischen sind mit prächtig geschnitzten, vergoldeten Konsoltischen und Spiegeln in reichen Rocaille-Rahmen besetzt. Vier Türen in den Langseiten führen in die Korridore und Nebenräume und begleiten die Marmorkamine, über denen die Hauptakzente jeder Wand stehen: die großen Porträts des Landesherren und des Kaisers.

Kunststätten in Westfalen: Der Erbdrostenhof in Münster.
Zerstörung, Wiederaufbau und neue Nutzung
Die jüngste Geschichte des Erbdrostenhofes ist schnell berichtet. In den schweren Bombenangriffen des Zweiten Weltkrieges, beginnend mit dem 10. Oktober 1943, sank Münsters kostbare Altstadt in Trümmer. Den Erbdrostenhof verwüsteten Brand- und Sprengbomben: er brannte bis zum Keller aus. Der Ostflügel zur Salzstraße stürzte ein, die stehengebliebenen Mauern zeigten schwere Luftdruckschäden. Marstall und Remise waren weitgehend zerstört, das Ehrenhofgitter großenteils vernichtet.

Die ausgeglühte Ruine wurde 1948 – 51 durch Betondecken ausgesteift; der Mitteltrakt, dessen reiche Fassade weniger stark beschädigt war, erhielt ein Notdach. 1953/54 folgte die Wiedererrichtung des Ostflügels im Rohmauerwerk, gleichzeitig wurden die Ruinen der Wirtschaftsgebäude für den Durchbruch der Klemensstraße abgetragen. Erst 1955/56 erhielt der Hauptbau sein endgültiges Dach und war damit vollends gesichert.

In den folgenden Jahren konnte man an die Wiederherstellung der Fassaden, die Sicherung und Ergänzung der Architekturplastik und an den modernen Innenausbau des Westflügels gehen, in den 1959 das Landesamt für Denkmalpflege einzog. Hier entstand nun ein zweites Treppenhaus in den schlichten Stilformen der fünfziger Jahre. Bis 1964 folgte die Wiederherstellung der Ehrenhof-Gitter, zunächst noch ohne die kunstvoll gegossenen Tore und ohne Skulpturengruppen, deren Rekonstruktion durch Siegfried Springer sich in kleineren Abschnitten bis in die achtziger Jahre hinzog.

Wichtiger war zunächst der weitere Innenausbau. 1965-68 entstand der Festsaal neu, gleichzeitig wurden im Ostflügel weitere Arbeitsräume für das Denkmalamt und eine kleine Wohnung für den Erbdrosten eingerichtet, dem der Hof noch immer gehört. Hier wurde auch das alte Treppenhaus wieder angelegt, das 1971 die schmiedeeisernen Geländer erhielt. Vorläufiger Schlußpunkt war die Rekonstruktion der Freskomalereien 1983-85.

Bis 2005 war der Erbdorstenhof Sitz des Landeskonservators von Westfalen- Lippe; seither arbeiten hier andere Einrichtungen der Kulturpflege des Landschaftsverbandes. Vestibül, Treppenhaus und Saal dienen häufig wieder – wie vor über 200 Jahren – für Festlichkeiten, Empfänge und Kammerkonzerte, bei denen gelegentlich auf den kostbaren alten Instrumenten aus der Sammlung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe musiziert wird (vgl. Hannelore Reuter, Historische Tasteninstrumente im Erbdrostenhof, Westfälische Kunststätten, Heft 47, Münster 1987).

Der Hauptbau des Erbdrostenhofes wurde glanzvoll wiederhergestellt, bis auf die vier großen Attikafiguren und die hohen Schornsteinköpfe. Seit dem Wiederaufbau fehlen auch die Wirtschaftsgebäude. Sie wären für das Verständnis eines barocken Adelshofes nötig, zu dem nicht nur ein prächtiges Corps de Logis gehörte, sondern auch Marstall und Remise. Ihre Baukörper hätten zugleich große Vorteile für den Umraum der Clemenskirche. Deren Isolation läßt heute nicht einmal ahnen, mit welch überraschender Wirkung der borromineske Schwung ihrer Fassade den kleinen, dreieckigen Platzraum prägte. Clemenskirche und Erbdrostenhof sind glanzvolle Höhepunkte in Schlauns vielfältigem Schaffen und Meisterwerke der westfälischen und deutschen Barockarchitektur; ihre Umgebung bedarf freilich noch einer behutsamen und sorgfältigen Neugestaltung, die auch dem städtebaulichen Sinn und Rang dieser Bauten angemessen ist.

Auszug aus:
Westfälische Kunststätten, Heft 50: Der Erbdrostenhof in Münster. Herausgeber: Westfälischer Heimatbund, Kaiser-Wilhelm-Ring 3, 48145 Münster.

Der Westfälische Heimatbund


Westfälischer Heimatbund
Der Westfälische Heimatbund nimmt als Dachorganisation von über 530 Heimatvereinen und rund 650 Ortsheimatpflegern in Westfalen Aufgaben der regionalen Heimat- und Kulturpflege wahr. Er bündelt die Aktivitäten der einzelnen Mitgliedsvereine und verfolgt das Ziel, die Einheit Westfalens zu erhalten und seine Eigenart zu pflegen. In den Menschen, die in diesem Raum leben oder sich ihm zugehörig fühlen, will er das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit wecken und vertiefen.

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